Zweifel und Verbundenheit

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In regelmässigen Abständen präsentieren wir Impressionen und Einblicke aus dem Studium. So nehmen wir via Blog Anteil an den spannenden Erfahrungen, die junge Menschen in der Ausbildung zu einem Kirchenberuf machen. Anna Staiger, Fernstudentin Theologie an der Universität Luzern, lässt uns heute daran teilnehmen, wie sie ihren zweiten Wortgottesdienst erlebte.

So fängt ein erfüllter Sonntag an: mit dem Gefühl fest mit Gott verbunden zu sein und mit beschwingter Musik in den Ohren.

Heute durfte ich meine zweite Wortgottesfeier als Ehrenamtliche mit meiner Heimatgemeinde feiern. Schon in der Vorbereitung hatte ich viel Freude. Mit viel Elan schrieb ich die Predigt. Thema der Bibeltexte war die Vergebung. Ein nicht ganz einfaches, aber wie ich finde sehr lohnenswertes Thema. Ich war mit meiner Vorbereitung sehr zufrieden.

Doch in dem Moment, in dem ich vor der Gemeinde stehe und das Evangelium auslege, schaue ich in die Gesichter der Gemeinde. Viele der Mitfeiernden kenne ich, bei manchen weiss ich auch, was sie im Moment beschäftigt. Im Verkünden meiner Predigt kommen mir erhebliche Zweifel: Rede ich an den Menschen nicht völlig vorbei? Was erzähle ich da überhaupt? Glaube ich das selbst?

Ich sehe eine Frau, die erst letzthin erfahren musste, dass der Krebs wieder zurückgekommen ist, und eine andere, deren Mann erst vor kurzem verstorben ist. Können meine Worte für diese Personen Trost sein? Ist meine Predigt von der Vergebung und vom Beginn des Reichs Gottes angesichts solcher Erfahrungen nicht wie Heuchelei?

Ich weiss es nicht recht und muss mich mit meinem Nichtwissen und auch mit meinen Zweifeln vorerst begnügen. Doch als ich beim Austeilen der Kommunion näher in die Gesichter dieser Menschen blicken darf, sehe ich tiefe Herzensruhe. Ich bin erleichtert.

Nach dem Gottesdienst kommt eine Mitfeiernde auf mich zu und sagt: «Danke für deine Worte. Sie haben mich aufgerüttelt. Ich muss unbedingt etwas in Ordnung bringen.»

Ja, ich denke das ist Verkündigung: etwas anstossen zu dürfen im Leben der Menschen und im eigenen Leben. Denn das gehört in meinen Augen zu dieser Aufgabe: sich immer wieder auch mit den eigenen Fragen zu konfrontieren und sich mit den eigenen Zweifeln auseinanderzusetzen.

 

Anna Staiger

Studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern

 

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