Eine junge Maturandin zur Kirche und kirchlichen Berufen

Blog_Simon_Spielmann_Annabel_Menet_1.jpg

Luisa Segessenmann ist Maturandin und hat mit der Kirche aktuell nicht viel am Hut. Sie hat sich mit zwei Porträtierten der diesjährigen Kampagne von «Chance Kirchenberufe» über ihre Beweggründe zur Berufswahl unterhalten und hat darüber nachgedacht. Nun findet sie die Kirche «gar nicht so übel».

Wann ich zum letzten Mal die Kirchenbank gedrückt habe, könnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht an Weihnachten vor zwei Jahren in der kleinen Bergkapelle? Die schier endlosen, trockenen Predigten haben’s mir damals in der Primarschule gründlich verdorben, heute setze ich freiwillig kaum einen Fuss in eine Kirche. Eigentlich Schade.

Kirche hiess nicht immer Langeweile und Verdruss. Ganz früher, als ich noch im Kinderchor war, ging ich gerne zur Kirche, liebte die Singlager, die ich erleben durfte, und hatte Freude, zusammen mit meinem Cello-Ensemble eine ganze Kirche mit unseren Klängen zu erfüllen. So und ähnlich geht es wohl vielen Jugendlichen, die während ihrer Kindheit in der Jubla oder bei den Ministranten aktiv waren. Doch oft geht dieser zwanglose, selbstverständliche Umgang mit dem Glauben und der Kontakt zur Kirche beim Erwachsenwerden verloren. Lange haben wir dann andere Dinge im Kopf, aber früher oder später finden wir uns mit den grossen Fragen des Lebens konfrontiert und beginnen uns mehr und mehr, mit der Welt um uns herum auseinander zu setzen.

 

Ein persönliches Weltverständnis entwickeln

Wie kann ich etwas bewirken, Dinge verändern, Träume verwirklichen? Wie finde ich das Glück und warum gibt’s mich denn überhaupt? Nichts ist verwirrender, als sich mit solchen Fragen herum zu schlagen. Und doch sind Sie der wahrscheinlich einzige Weg, unser ganz persönliches Weltverständnis zu entwickeln.

«Ethische Fragen nach sozialer Gerechtigkeit betreffen uns alle und sind untrennbar von Religion und Glauben», erklärt mir Annabel Menet, Pastoralassistentin der Pfarrei St. Maria in St.Gallen. Und hier kommt die Kirche ins Spiel. Sie bietet Jugendlichen die Möglichkeit zum Dialog über Dinge, die jedem von uns tagtäglich begegnen. Kritische Stimmen sind dabei mehr als nur erwünscht, gewertet wird nicht, denn ein klares Richtig oder Falsch gibt es nicht.

 

Diskutieren in einer unverkrampften Atmosphäre

Genau diesen Dialog sucht Simon Spielmann, Religionspädagoge und Jugendarbeiter im Pastoralraum Gäu Oberbuchsiten. Für ihn ist das Miteinbeziehen der Jugendlichen eine Selbstverständlichkeit, und er sucht aktiv den Kontakt mit Jugendlichen in seiner Umgebung. Zusammen mit ihnen organisiert er jugendgerechte Projekte, in denen genau diese Fragestellungen in einer unverkrampften Atmosphäre diskutiert werden können.

Kirche ist eben doch nicht nur beten und frommes Getue. Kirche ist auch die kritische Auseinandersetzung mit wichtigen moralischen Aspekten. Sie kann erschüttern, an unseren tiefsten Überzeugungen rütteln und uns alles in Frage stellen lassen, aber sie kann auch trösten, stützen und Kraft geben.

Die Theologie kommt allerdings nicht immer so emotional daher, sie kann auch ganz wissenschaftlich sein. Ein Uni-Abschluss in Theologie ist heute jedem anderen gleichwertig. Theologie ist eine richtige Wissenschaft, die sich mit einer unglaublichen Vielfalt an Themen beschäftigt: Ethik, Philosophie, Literatur oder gar Psychologie, da ist fast für jeden etwas dabei.

 

Der eigenen Leidenschaft folgen

«Als ich mich nach der Matura mit der Frage beschäftigte, was ich denn studieren könnte, stiess ich eher zufällig auf einen Link zum Theologiestudium der Uni Luzern», erzählt mir Annabel Menet, «und spätestens nach dem Unibesuchstag war ich überzeugt, dass dies der richtige Weg für mich ist.» Sie rät mir, mich bei meiner Studienwahl von meinem Herzen führen zu lassen, heraus zu finden wofür ich brenne und dann meiner Leidenschaft zu folgen. Tönt gut. Wenn’s nur so einfach wäre, wie’s klingt.

Aber zum Glück habe ich ja noch etwas Zeit, bis ich mich entscheiden muss. «Zögern ist okay und wechseln geht ja auch immer», meint Spielmann, der selbst ein Quereinsteiger ist. Verschiedenes ausprobieren und offen zu bleiben sei der Schlüssel zum beruflichen Glück.

Und so verbleibe ich nach diesen Begegnungen, noch immer unwissend, was die Zukunft bringt, aber dafür inspiriert und ein kleines Stück klüger. Mein Fazit: Kirche ist gar nicht so übel. Vielleicht zieht’s mich in nächster Zeit ja doch wieder einmal in die Kirche.